drei kommunizierende räume

mögliche und wahrscheinliche blicke

drei durch schachtartige paßstücke verbundene räume bilden einen kubus. die räume sind durch drei öffnungen einsehbar. bedingt durch die größe (seitenlänge 226 cm) erschließt sich sowohl die äußere als auch die Innere form nur durch umwanderung des kubus („wir nehmen auch mit den füßen war“. h. maturana). die erinnerungen an die einzelnen einblicke legen sich wie folien übereinander und gestatten so erst das entstehen innerer bilder der räume. CHG

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die räume sind nicht begehbar, somit nicht von innen erfahrbar. diese „raum-skulptur“ ist dem betrachter gegenübergestellt; raum wird entgegen der gewohnten wahrnehmung (raum als umwelt) objektiviert. so wie die von den malern geöffneten architekturen in den darstellungen häuslicher szenen der frührenaissance schon mit der neugier der rezipienten spielten, so suggerieren die öffnungen in der installation „drei kommunizierende räume“ zunächst ein versprechen: vielleicht die entbergung eines geheimnisses oder einen, wenn nicht kostbaren, so doch originellen oder unheimlichen inhalt. eine moderne variante der funktionalisierung dieser psychisch-symbolischen konnotationen des geöffneten raums ist die „Peep-show“; dabei wird der umstand genutzt, dass die grenze von innen nach außen nicht überschreitbar ist, bzw. dass bühne und zuschauerraum unterschiedene räume sind, wobei dem beobachter jedoch die (optische) grenzüberschreitung von außen nach innen erlaubt ist.

war bei kant der raum immer schon mitgedacht als bedingung der möglichkeit von erfahrung überhaupt, so hat sich der raumbegriff bis heute - über die grenzziehungen des deutschen idealismus und die grenzenlosigkeit der romantik - zum mathematisch-physikalischen phänomen entwickelt - die raum-zeit-dimensionalität ist kaum noch vorstellbar. raum und zeit sind im begriff der bewegung untrennbar miteinander verschmolzen; raum wird durch die annahme konstituiert, dass zwei verschiedene dinge nicht zur selben Zeit am selben ort sein können. hier befindet sich der ausgangspunkt für ch. grüners untersuchungen zur wahrnehmung und rezeption begrenzter räume.

die „drei kommunizierenden räume“ können durch drei öffnungen eingesehen werden. diese option zwingt zur bewegung, zur umrundung der kunst-räume. vorstellungen werden beim hineinschauen projiziert. kein einblick gleicht dem anderen. fast zwanghaft ist der wille zur rezeptorischen durchdringung des inneren. offene räume, die sich uns doch verschließen und trotz der möglichen einblicke das geheimnis ihrer einheit bewahren. die vom künstler selektiv geschaffene auswahl möglicher ein- und durchblicke trifft beim beobachter auf komplexe rezeptorische verarbeitungsprozesse. erinnerungsleistungen verarbeiten sinnhaft die räumlichen eindrücke zu subjektiven raumvorstellungen (imaginationen). die reduktion kontingenter anschauungsmöglichkeiten durch den künstlerischen eingriff rückt die grenze zwischen raum und raumwahrnehmung ins bewusstsein und macht das sonst unsichtbare sichtbar - die differenz von innen und außen hebt sich auf in der selbstbeobachtung des beobachters. nicht der raum als einheit seiner einzelnen elemente wird erlebt, sondern das beobachten des beobachters rückt ins blickfeld.

in diesem sinne sind die wahrscheinlichen blicke keine bloße teilmenge der möglichen. die menge der möglichen blicke ist bestimmt durch die grenzpunkte im raum und die neurophysiologischen operationen des gehirns. aber eben dadurch, dass der künstler bei der konditionierung seines projekts die wahrnehmungsmöglichkeiten potentieller beobachter mit einbezogen hat (mögliche blickwinkel, bewegungen der augen, bewegung der betrachter um den raum, etc.), wurde die wahrscheinlichkeit bestimmter blicke erhöht. diese wahrscheinlicheren blicke reflektieren vermittels der eingriffe des künstlers grenzen der subjektiven wahrnehmungsgewohnheiten. der beobachter wird zur umwelt des kunst-raumes, indem er diesen umkreist. durch diese grenzüberschreitung wird die im titel der installation deklarierte kommunikation der räume sinnfällig: kommunikation als koordinierte selektivität, die sich zwischen den raumbeziehungen ereignet, macht die selbstbeobachtung der rezipienten erst wahrscheinlich.

wolfgang siekmann