Das Befreiungsdenkmal – schärfstein unserer erinnerungskultur

befreiungsdenkmal

das befreiungsdenkmal – schärfstein unserer erinnerungskultur - eine künstlerische intervention

«Etliche Pessimisten konnten es sich nicht versagen, zu prophezeien, daß das Denkmal sofort nach Abzug der französichen Besatzung geschleift werden würde. Wir können nun zu unserer Freude feststellen, daß dieses  Monument nunmehr zum Kunstschatz der Stadt Innsbruck zählt».[1]  

das befreiungsdenkmal wurde freilich von den wenigsten tirolerInnen selbst als schatz empfunden noch stellte es einen identitätsstiftenden historischen bezugspunkt dar. es zu versenken, zu sprengen, zu verhüllen, umzunutzen: die liste der vorschläge, viele aus studentischen projekten hervorgegangen, ließe sich beliebig ergänzen – das ungeliebte «franzosendenkmal» aber blieb unangetastet. im herbst 2008 wurde ein baukünstlerischer wettbewerb zur neugestaltung des eduard-wallnöfer-platzes ausgelobt, aus dem als sieger die arge laac/stiefel kramer/grüner hervorging.

die erhaltung des im besitz der republik frankreich stehenden befreiungsdenkmals war ein wichtiger bestandteil der ausschreibung. es wirkte  in seiner erscheinung weniger als befreiungsdenkmal, denn als siegesdenkmal auf dem platz. der architekt der französichen militärregierung, jean pascaud, ist mit der gestaltung und positionierung des befreiungsdenkmals einer "ästhetik der topographie" gefolgt, die immer thema in der geschichte der denkmäler ist. die ähnlihckeit zum portikus des landhauses war bewusst gewählte gestalterische fortschreibung. die inhaltliche information des monuments und dessen funktion als befreiungsdenkmal wurden durch sein äusseres erscheinungsbild konterkariert. daher stellten sich die fragen: 

/ wie kann man diese vorhandene double bind situation auflösen?

/ wie kann man der erhabenheit des denkmals begegnen?

/ wie kommentiert man die autoritäere, imperiale geste?

/ was war die ursprüngliche intention der erbauer?

/ kann das denkmal als schärfstein unserer erinnerungskultur dienen?

/ kann es in die gegenwart geholt werden?

die möglichkeit, die symmetrische spannung zwischen denkmal und landhaus zu lösen, bestand zum einen darin, dem denkmal eine leicht geneigte basis  zugrunde zu legen, zum anderen, es in die neue topographie der sanften hügel einzubetten. diese kreieren in ihrer gesamtheit eine große Lliegende (plastik). die topographie beinhaltet die pflanzräume der bäume, ab- und aufgänge zur tiefgarage und frei geformte benutzeroberflächen: sie ist aber auch fassung für das denkmal. durch das einbetten des sockelbereichs in die bodenplastik, wurde dessen dominanter charakter gemildert. 

öffnung – befreiung

nichts am denkmal wurde entfernt – nichts wurde unsichtbar gemacht. es wurde nicht zu jenem denkmal, von dem wir wünschten, dass es damals gebaut worden wäre. die öffnung der vorhandenen gitter befreit auch räumlich, die damit entstandenen tore rahmen im gegenzug teile der stadtlandschaft und ermöglichen somit neue blicke und fokussierungen.

dass widerstand und leid unter der nationalsozialistischen herrschaft einseitig von der katholischen kirche besetzt wurde, zeigte sich in der anordnung der wappen der neun österreichischen bundesländer auf den gittern in form eines kreuzes. ­ durch die öffnung der gitter ist das kreuz dekonstruiert.

zum besseren verständnis der intention der erbauer ist die lateinische inschrift um den ursprünglich deutsch gedachten text «den für die freiheit österreichs gestorbenen» ergänzt. an den beiden schmalseiten des denkmals sind jetzt die namen jener frauen und männer zu lesen, die wegen ihres widerstandes gegen den nationalsozialismus ums leben kamen. erinnern ist immer unabgeschlossen. die hier aus der anonymität geholten namen stehen pars pro toto für all jene, von denen wir immer noch nichts wissen.

mit den bereits bestehenden, restaurierten und auf dem eduard-wallnöfer-platz neu positionierten denkmälern entstand eine erinnerungslandschaft, die zur aufarbeitung der geschichte anregen und beitragen möchte.

CHG 2011

[1]?general emile béthouart 1967 - quelle: http://horstschreiber.at/texte/befreiungsdenkmal-innsbruck

die publikation zur intervention

Den für die Freiheit Österreichs Gestorbenen. Das Befreiungsdenkmal und die Erinnerung. Eine Intervention, hrsg. vom Amt der Tiroler Landesregierung, Innsbruck 2011. (Die Dokumentation kann kostenlos bezogen werden von der Abteilung Kultur des Landes Tirol, Sillgasse 8, 6020 Innsbruck; kultur@tirol.gv.at; 0512/508/3753 oder 3758).