die quadratur der sprache

christopher grüner in der HTL galerie, innsbruck 2006 - wolfgang siekmann

ein schulgebäude während der ferien. leere im hof, in den fluren, in den treppenaufgängen. erinnerungen an die eigene schulzeit vermischen sich mit vorstellungen vom getriebe durcheilender und in gruppen herumstehender schüler. im ersten stockwerk öffnet sich das treppenhaus in einen grossen hellen raum mit niedriger deckenhöhe, eine kleine halle mit anschlussfluren, geeignet zur kommunikation zwischen den arbeitsintervallen. die innenausstattung entspricht der schlichten funktionalität einer raumauffassung, die durch das weglassen von details denkräume schaffen wollte und sterilität erzeugt hat.

einziges zugeständnis an die abweichung vom zwang des rechten winkels ist der diagonal verlegte fussboden aus quadratischen steinplatten. grauer boden, die wände weiss, die decke mit weissgrauen lochplatten abgehängt.

die folienobjekte sind vollkommen in die nüchterne raumstruktur integriert, fast puristisch ergänzt die positionierung der arbeiten die (nicht) vorhandene formen-sprache.

an der längsten wand sind trapezförmige transparentfolien mit schwarzen gummibändern abgespannt; einige nicht benutzte haken verweisen auf variations- und anschlussmöglichkeiten (tangram).

die hängung der kleineren folienarbeiten ist determiniert vom anspruch, die alltäglichen laufwege der beobachter mit einer komplexen perspektive auszustatten. lichteinfall, spiegelungen, blickwinkel und gehgeschwindigkeit sind hier die bedingungen der ästhetischen wahrnehmung. so ergab sich eine asymmetrische platzierung der arbeiten, die zunächst irritiert.

ein kastenförmiger eisenrahmen schwebt unter der geschossdecke im treppenhaus. er enthält eine staffel abgespanner folien, die je nach standpunkt mehrere quadratische tunnels erscheinen oder verschwinden lässt. die installation kann von drei seiten, von unten und in draufsicht angesehen werden.

die optischen phänomene der folien veranlassen zur bewegung. schnell begreift das auge die aufforderung zum wechsel der perspektive. irritation, verzerrung, auflösung und erscheinung sind wichtige aspekte im kontext der arbeit ch. grüners. wir wissen aus seinen früheren installationen, dass durch die erzeugung ästhetischer widersprüche die aufmerksamkeit auf die unwahrscheinlichkeit eindeutiger welt-erfahrung gelenkt werden soll.

nach der thematisierung von räumlicher wahrnehmung (etuis), physischer raumerfahrung (travelling case, drei kommunzierende räume) und sprachlichen dimensionen (sprachgitter) befassen sich die neuen folienarbeiten mit fragen zum verhältnis von raum und sprache:

das quadrat, das der ausstellung zugrunde liegt und ihr den titel (hoch 2) verleiht, ist signifikat und signifikant zugleich, eine allegorie auf das medium des denkens, auf die sprache.

das quadrat dehnt sich durch die potenzierung einer einzigen grösse (seitenlänge) in den raum, das denken gelangt durch die reflexion (=potenzierung) seiner sprache zu seinem be-griff (hegel).

raum und sprache sind in derselben welt-erfahrung verbunden.

folgerichtig stehen ch.grüners arbeiten in einer langen kunst- und geistesgeschichtlichen tradition, deren anfänge wahrscheinlich in der asiatischen kalligraphie liegen. im westen vermittelt die mittelalterliche buchmalerei den schönsten einblick in die künstlerischen fragestellungen zum thema.

der exegese der genesis folgend war am anfang das wort gottes, auf dessen geheiss der raum beleuchtet wurde , um überhaupt erst erfahrbar zu werden. die illustratoren der klosterschulen versuchten, dieses dogma in der initialmalerei durch einbettung der buchstaben in organische umwelten darzustellen, bevor in der gotik der abstrakte raum, meist vergoldet, zum symbol der einheit von sprache und raum wurde.

wolfgang siekmann, april 2006