Travelling case

in einem speditionscontainer (etui zweiter ordnung) verdichtete ich eine raumsituation.

sieben geometrische skulpturen erzeugen leere und präsenz zugleich. die materialisierung dieses themas ist als untersuchung unserer rezeption von wirklichkeit gedacht. letztendlich geht es um das kreieren von neuen räumen - oder anders - um das erinnern von formen der anderen seite.

//der sitz des wächters - die wandscheibe, die säule -sie kanalisieren den blick und die schritte

//die gehrungslehre - selbstreferenziell oszillierende form, ein werkzeug befindet sich in der evolutionären entwicklung auf dem weg zur form. um jedoch als werkzeug gebaut werden zu können, ist sie als werkzeug notwendig.

//zentralmöbel - freistehende geometrische plastik, die dimension und rhytmik des raumes übernimmt. sie gewährt durchblicke, ist also auch focus und rahmen

//die vis-a-.vis stehenden paßstücke - karrikatur eines zugabteils - sind die komplementärformen des zentralmöbels.

//regal für atlanten - zweiter tribut an das reisen. hommage an die mächtigsten und schönsten bücher.

//legasthenische gleichung - drei gleich große quadrate werden durch zwei =equal= zeichen zu einer erweiterten gleichung verbunden. die ungleichen abstände zwischen term und zeichen legen an sich den verdacht nahe, daß so gleich nichts ist. tatsächlich handelt es sich um ein anagramm-ähnliches spiel mit zahlen  - mit den maßen der flächen und der abstände.

//die siegergrube -etui für drei siegerpodeste

CHG

travelling case - wolfgang siekmann

das scheinbare paradoxon dieser arbeit besteht darin, dass der künstler etuis (behältnisse für bestimmte objekte) geschaffen hat, deren inhalt aber fehlt. diese skulpturen an sich sind interessant genug, um als rauminstallation im container ein visuelles erlebnis zu bieten. vielmehr jedoch unternimmt christopher grüner mit diesem projekt den versuch einer annäherung an die bedingungen unserer wahrnehmung, die vor allem auf erinnerung beruht. negativformen einer mehr oder weniger vertrauten dingwelt vermitteln über das arrangement im kunst-raum den eindruck eines funktionellen inventars. durch das nichtvorhandensein gewohnter gegenstände (positivformen) wird dem rezipienten eine seite seines gewohnten differenzierungsschemas geraubt - die bekannte dingwelt wird flüchtig; es entsteht eine sphäre des „vertrauten unbekannten“, in der sich andere unterscheidungsmöglichkeiten anbieten. indem die leeren etuis zugleich auf den fehlenden inhalt und dessen abdruck in der materie seiner früheren umwelt verweisen, erhalten sie in ihrer stofflichen form einen fossilen charakter. hierzu passt die metapher von der „kunsthöhle“, die sich dem besucher im halbdunkel präsentiert: „...durch die dunkelheit braucht die annäherung zeit, in der mitgebrachte vorstellungen verschwinden. gewohnte sehmuster lösen sich auf, werden durch neue ersetzt. abstände werden klar oder lösen sich vollkommen auf.“ (zitat: ch. grüner)

containerreise

orgel und container

die scherben der antiken philosophie liegen im container der philisophiegeschichte. das fass war ein gefäß, es riskierte, das ganze, die welt zu fassen. der container enthält mengen. das gefäß gab sein inneres zu erkennen. es äußerte sich in der form des gefäßes und in der zurückhaltung durch die fassung. innen und außen waren aufeinander bezogen. der innere gleichmut des philosophen mußte sich gegen die erschütterungen von außen behaupten. der container ist ein behälter für alles mögliche. was er enthält, entlädt er. wenn er leer ist, wird er wieder mit etwas anderem beladen. die form des containers richtet sich deshalb nicht mehr nach seinem inhalt - es kann eben alles mögliche sein -, sondern nach standardmaßen, sie machen ihn stapelbar und kompatibel für verschiedene transportmittel. das äußere, das fahrzeug, das ihn transportiert, und der ort, wo er abgestellt wird, ist ihm so gleichgültig wie sein inhalt. so tendiert er zu einer möglichst neutralen form, einer „Null-Komposition“ (Buren), zur rechteckigen, gleichförmigen, stapelbaren kiste. die vier ecken seiner wände bedeuten nichts, sie sind kein quadrat, kein kosmologisches zeichen. der container ist kein “Geviert“, kein „Ding“ (Heidegger), er ist ein zwischending, der behälter zwischen fahrzeug und ladung. er erleichtert die vorübergehende beziehung zwischen ihnen, indem er sich zwischen sie schiebt. der container ist ein provisorium. vorläufig und vorübergehend ist er irgendwo hingestellt, immer fertig zum abtransport und anscheinend bereit, von etwas endgültigem abgelöst zu werden. doch das provisorium zieht sich hin. und wo immer er abgestellt wird, wirkt er wie ein magnet der gleichgültigkeit. er färbt auf ladung und umgebung ab. die dinge in und um ihn herum verlieren ihren halt aneinander, erscheinen isoliert und fremd, sie werden ebenfalls zu indifferenten behältern von austauschbaren bedeutungen, inneren funktionen und äußeren verkleidungen. der container paßt nirgendwohin, er paßt  die umgebung an sich selbst an. am besten passen deshalb container zu (in-, auf- und neben)einander. der raum ist zu einem behälter geworden. jeder  behälter befindet sich immer schon in einem größeren, ist immer schon äußerlicher inhalt in einem anderen behälter. der container ist die radikale indifferenz von außen  und innen. und so wird er auch draußen wie drinnen abgestellt.
in umzugskisten lagern sachen, die man noch nicht wegschmeißen will. geschäfte und notquartiere werden in containern eingerichtet, solange wohnungen und geschäftsräume fehlen. der container scheint provisorische architektur zu sein. architektur ist unersetzlich und strenggenommen unverwüstlich: wohnen in der „Urhütte“ welt. die kann man nicht und muß man nicht bauen. dieser schuppen ist immer schon gebaut, man kann ihn nur dekorieren. solcher dekor ist „alpine Architektur“ (B.Taut), monumentalarchitektur. monumental aber sind nicht nur große, großartige bauten, sondern auch verzierungen und ausschmückungen, die ornamente an den alltäglichen, unscheinbaren bauten und in den wohnungen. monumentalarchitektur ist stüztenbau für die erinnerung, memento, nicht zu vergessen,daß die urhütte welt immer schon errichtet worden ist: „Erbauung“. wenn man das erfaßt hat, kann man es sich leisten, in irgendeinem faß, einem verschlag, in irgendeiner kiste unterzukommen.
aus: HANNES BÖHRINGER - ORGEL UND CONTAINER - MERVE VERLAG BERLIN